Am 18. August jährt sich zum 40. Mal das Ereignis, das als »Fanal von Zeitz« in die Geschichte einging: die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz.
Was Pfarrer Oskar Brüsewitz im August 1976 getan hat, als er selbst seinem Leben vor der Michaeliskirche in Zeitz ein Ende setzte, erschüttert uns bis heute. Er war ein frommer und engagierter Pfarrer unserer Kirche. Unvergesslich bleiben die vielen Transparente und Plakate, mit denen er auf die Herrschaft Jesu in dieser Welt aufmerksam gemacht hat. Das weithin sichtbare Neon-Kreuz auf seiner Kirche nahe der Autobahn hat damals höchste Parteikreise beschäftigt.
Heute ist klar: Das »Signal von Zeitz« war eine tiefe Zäsur sowohl für Staat und Gesellschaft der DDR wie auch für unsere Kirche. Die Kritik von Oskar Brüsewitz galt nicht nur dem SED-gelenkten Staat. Er sorgte sich ebenso darum, ob unsere Kirche in ihrem Reden und Handeln entschlossen genug sei. Mit seinem Tod entflammte dazu eine kontroverse Debatte. Dass der Tod von Pfarrer Brüsewitz zu einem solchen Signal wurde, liegt auch an der völligen Fehlreaktion der SED-Führung. Besonders in dem Artikel in der SED-Zeitung »Neues Deutschland«, »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden« am 31. 8. 1976, in den allem Vernehmen nach Erich Honecker selbst redigierend eingegriffen hatte, waren jede Zurückhaltung und jedes Augenmaß verloren gegangen. Hier wurde ein Pfarrer geschmäht und beleidigt, wie das nicht mehr für möglich gehalten worden war.
Natürlich, die Kirchen haben damals mit den ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten protestiert, aber viele Menschen in unserem Land und auch unter unseren kirchlichen Mitarbeitern behielten dennoch ein schales Gefühl. Sie schämten sich für das Land, in dem sie leben mussten. Sie wandten sich – mit zum Teil zornigen Briefen – auch an die Kirchenleitung. Die Kirchenleitung hat sich damals in guter Weise dem Gespräch gestellt und konnte dennoch nicht »alle Fragen beantworten«, weil die nämlich an die Grundlagen der SED-Herrschaft rüttelten.
Dass heute viele in dem Jahr 1976 – die Ausweisung des Sängers Wolf Biermann im November tat ein Übriges – einen entscheidenden Baustein zum Ende der DDR sehen, ist nur zu verständlich. Manche unserer damals kirchenleitenden Brüder haben sich bis zu ihrem Tod mit der Frage beschäftigt, ob sie in ihrem kirchlichen Handeln in der DDR-Zeit klar und eindeutig genug gewesen sind und wo sie möglicherweise versagt haben. Ich denke zum Beispiel an Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer (1917– 2000) und Bischof Werner Krusche (1917– 2009).
Und dann, als es die DDR nicht mehr gab, wurde unsere Kirche umso mehr gefordert, sich zu Vorwürfen, dass sie »SED-gesteuert« oder »Stasi-verseucht« gewesen sei, zu verhalten. Durch einen Dokumentationsfilm (»Der Störenfried«) und zahlreiche Bücher und Artikel konnte viel zur Erhellung der Geschehnisse und ihrer Hintergründe beigetragen werden. Die Debatte hat sich heute versachlicht, löste aber auch nicht mehr ein solches Echo in den Medien aus, wie das in den Jahren nach der Wende der Fall gewesen ist.
Dennoch: Gerade über die mit dem Tod von Oskar Brüsewitz aufgeworfenen Fragen darf nicht nur im Rückblick gesprochen werden. Wirkliche Erinnerung an den Sommer 1976 und seine Folgen wird nur dann stattfinden, wenn auch wir Heutigen bereit sind, über unser Reden und Tun immer wieder kritisch Rechenschaft zu geben. Die Gefährdungen sind freilich andere geworden. Vielleicht würde Oskar Brüsewitz uns heute fragen, ob wir – angesichts der viel beschworenen Ausgewogenheit, des Zwangs zur »political correctness« und zur parteipolitischen Neutralität – die wirklichen Nöte der Menschen deutlich genug zur Sprache bringen?
Kirchengeschichte wird niemals »Ruhmesgeschichte« werden, da können wir ganz sicher sein. Aber wir können immer wieder staunend zur Kenntnis nehmen, dass Gottes Barmherzigkeit uns immer noch die Möglichkeit zur Einsicht in unser eigenes Versagen und auch Mut zu neuem Anfang gewährt.
Axel Noack
Der Autor, Altbischof Axel Noack, lehrt Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.